[#WritingFriday] Passing by

[#WritingFriday] Passing by

Hallo, meine Lieben!

Willkommen zu einem weiteren #WritingFriday von Elizzy und einen guten Start ins Osterwochenende! Bevor wir zur heutigen Schreibaufgabe kommen, noch ganz kurz „Werbung“ in eigener Sache: Der Osterhase hat mir vorab schon jede Menge Motivation gebracht und darum findet ihr bis Montag jeden Tag einen neuen Beitrag hier! Ich freu mich, auf euren Besuch. 🙂 Jetzt aber wieder zurück zum #WritingFriday! Für heute habe ich folgende Schreibaufgabe gewählt:

  • Du lebst als Obdachloser auf der Straße. Beschreibe deinen Blick auf die Menschen, die vorbeigehen.

***

Donnerstag, 29.3.2018, 18 Uhr, Innenstadt:
Dieses gezwungene Lächeln. Ich kann es wirklich nicht mehr sehen. Es ist so unnatürlich. So aufgesetzt. Fast wie eine Fratze. Fast noch schlimmer als das Mitleid. Verstehen die Leute denn nicht, dass Mitleid das letzte ist, was ich brauche? Von Mitleid kann ich mir nichts kaufen! Mitleid schafft eine unüberwindbare Kluft zwischen Menschen. Mitleid ist wie eine Mauer. Wenn sie mich bemitleiden, können sie guten Gewissens einfach an mir vorüber gehen. Wenn sie mich bemitleiden, haben sie ja das Herz am rechten Fleck. Wenn sie mich insgeheim bemitleiden, können sie ja weiterhin so tun, als wäre ich unsichtbar. Ich will nicht bemitleidet werden. Ich habe es satt, wie Luft behandelt zu werden. Ich will doch nur eine Chance.

Freitag, 30.3.2018, 8:30 Uhr, Hauptbahnhof:
Jeder hat es eilig. Ist zu spät dran. Rennt durch das Leben, ohne den Blick zu heben. Ohne rechts und links zu schauen. Ohne den Menschen neben sich überhaupt zu bemerken. Einsam inmitten einer Menschenmenge. In sich gekehrt. Abweisend. Ich hingegen habe Zeit. Zeit, die Menschen eingehend zu betrachten. Kaum ein Lächeln kommt ihnen über die Lippen. Man könnte meinen, jeder, der an mir vorüber eilt, hätte ein hartes Leben oder gerade einen tragischen Verlust erlitten. Dabei werden die meisten von ihnen keine blassen Schimmer haben, wie hart das Leben wirklich sein kann. Wie grausam. Wie ungerecht. Ihre ernsten Mienen wirken nicht so, als wüssten sie ihr Leben zu schätzen. Die wenigsten erwidern mein Lächeln. Meinen Gruß. Wieder werde ich wie Luft behandelt. Man könnte meinen, es fiele diesen Menschen leichter, mir einfach nur ein herzliches Lächeln zu schenken. Mich wahrzunehmen. Ich erwarte nicht, dass mir jemand hilft. Jemand etwas spendet. Ich möchte doch nur gesehen werden.

Samstag, 31.3.2018, 15 Uhr, Altstadt:
Schönes Wetter ist ein Segen. Genauso wie die steigenden Temperaturen. Sie machen mein Leben so viel einfacher. Die Leute sind besser gelaunt, die Touristen lassen sich viel mehr Zeit und heute Abend kann ich mir vielleicht sogar ein warmes Abendessen leisten. Heute ist ein guter Tag. Morgens hat mir eine nette Dame einen Kaffee spendiert. Die Passanten sind lockerer, freundlicher und großzügiger. Weniger sparsam mit ihrem Lächeln. Manche sind zwar aufgesetzt, andere triefen vor lauter Mitleid, aber viele kommen von Herzen. Vielleicht liegt es an den Feiertagen. Ostern und Weihnachten sind die Menschen immer viel netter. Es ist ihnen nicht bewusst, aber die Feiertage verändern sie. Ich frage mich immer, warum man nicht das ganze Jahr über freundlich und hilfsbereit sein kann.

Sonntag, 1.4.2018, 11 Uhr, Innenstadt:
Ich kann es nicht glauben. Heute ist ein wirklich guter Tag. Jemand hatte doch wirklich den Geistesblitz, mich zu fragen, ob man mir den irgendwie helfen könnte. Sie hätten nicht viel zu geben, aber sie wollten trotzdem etwas für mich tun. Dieses alte Pärchen hat mich wirklich bewegt. Und wir haben eine Lösung gefunden. Sie ist nicht perfekt. Für sie ist es nur eine Kleinigkeit. Für mich bedeutet es die Welt. Es mag kein Dach über dem Kopf sein. Es mag kein Vermögen sein. Aber das ist ok. Denn es ist etwas viel wichtigeres! Es ist ein Sinn und Zweck. Eine Aufgabe. Das Gefühl, etwas zu leisten. Etwas beizutragen. Ich helfe ihnen im Garten und bekomme dafür eine warme Mahlzeit von ihnen. Ich kann kaum in Worte fassen, wie viel mir das bedeutet. Endlich jemand, der sich von meinem Äußeren nicht abschrecken ließ. Endlich jemand, der mir eine Chance gibt.

***

Aktuelle Teilnehmer (ihr könnt jederzeit mit einsteigen!):

0 Gedanken zu „[#WritingFriday] Passing by

  1. Hallo, Smorts!
    Was für eine emotionale Darstellung! Der gute Mann verdient es, dass ihm jemand eine Chance gibt. Er war eh schon so nah dran aufzugeben…
    Ein wunderschöner Text, meine Liebe. Hab einen schönen Tag! <3
    LG, m

  2. Die Form mit dem Tagebuch gefällt mir.
    Und auch, dass du dem ganzen ein positives Ende gegeben hast, nachdem es so traurig anfing.
    🙂

  3. Liebe Smarty,
    Ach, ich finde es so toll, wie du einen wirklich schönen und tiefsinnigen Einblick in das Leben eines Obdachlosen bietest. Mir gefällt vor allem, dass es ein Einblick ist, der über verschiedene Tage verteilt ist. Und dass er ein kleines Stück Glück in diesem alten Ehepaar findet, das ihm eine warme Mahlzeit für ein bisschen Gartenarbeit anbietet.
    Ein frohes Osterfest wünsche ich dir! 🙂
    Liebste Grüße,
    Ida

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