Ein wilder Schwan – Cunningham

Ein wilder Schwan – Cunningham

Die meisten von uns sind vermutlich mit Grimms Märchen oder den zugehörigen Disney Adaptionen aufgewachsen und daher mit den Geschichten bis heute vertraut. Viele werden vielleicht sogar wissen, dass die Grimmschen Originale nicht immer ganz so zauberhaft waren. Um genau zu sein, sind die Originale sogar meist ziemlich blutig und brutal, denn Märchen sollten erziehen und abschrecken, Unterhaltung war dabei eher ein Nebeneffekt. An diese brutale Ehrlichkeit knüpft auch Michael Cunningham in seinem Buch Ein wilder Schwan in gewisser Weise an. Das Buch ist am 11. November 2017 beim Luchterhand Verlag erschienen und beinhaltet Neuinterpretationen altbekannter Märchen.

Mal lustig, mal schaurig, mal sexy, aber immer brutal ehrlich und realistisch, so sind die Märchenfassungen von Cunningham. Und weil ich in diesem Fall den Inhalt selbst nicht wirklich zusammenfassen kann, ohne etwas zu verraten, hier der Klappentext von der Verlagsseite:

Rumpelstilzchen, Hänsel und Gretel, Schneewittchen und Rapunzel – wer erinnert sich nicht an die Gutenachtgeschichten aus der Kindheit, an Märchen, die uns verzauberten und schaudern machten. Einer der begnadetsten amerikanischen Schriftsteller holt nun diese und andere Märchen in unsere Gegenwart und erzählt, was sie verschwiegen oder vergessen haben oder wie es nach dem angeblichen Ende »wirklich« weitergeht. Und welch tiefe Abgründe sich an jeder Ecke auftun können. Die altüberlieferten Mythen über Könige und Prinzessinnen, Flüche, Zauber, Habgier und Verlangen erweisen sich in Michael Cunninghams spielerischen, so ironischen wie klugen Erzählungen als verblüffend modern und menschlich. – Luchterhand

Für mich war seine Neuinterpretation vor allem eines: überraschend. Dank der lieben Gabriela (hier findet ihr ihre Rezension) kannte ich das Buch zwar vorher schon, aber mit dem, was mich erwartet hat, hätte ich trotzdem nie gerechnet. Cunningham verpasst den Märchen nicht nur ein neues Kleid, sondern experimentiert auch mit den verschiedensten Erzählweisen. Und jede Erzählweise beeinflusst die jeweilige Geschichte auf ihre ganz eigene Weise. Sehr schön an seinem Experiment ist auch, dass er sich weit über den üblichen Wechsel von Ich-Perspektive und dritter Person hinaustraut. Alleine die sprachliche Komponente macht das Buch absolut lesenswert.

Aber auch was er inhaltlich mit den Geschichten anstellt, hat es wirklich in sich. Als Beispiel, das hoffentlich nicht zu viel verrät, eignet sich seine Version von Hänsel und Gretel perfekt. In seiner Fassung stehen nämlich nicht die Kinder im Vordergrund, sondern die Hexe und wie sie zu dem Monster geworden ist, das wir kennen. Oder zumindest zu seiner Version dieses Monsters. Dabei möchte ich ganz klar betonen, dass man sich wirklich darauf einlassen muss, vor allem wenn er die Abgründe mancher Märchen aufzeigt. Denn es wirkt teils so, als würden die Märchen nicht so gut wegkommen. Aber eben nur, weil wir so vertraut mit den beschönigten Versionen sind, dass wir diese imaginäre heile Welt nur ungern zerstört sehen.

Wer also nicht bereit ist, die Disney Versionen mal beiseite zu lassen und seine liebsten Märchen auf keinen Fall in einem anderen Licht sehen möchte, der sollte vielleicht lieber die Finger von diesem Buch lassen. Wer aber neugierig ist und gerne mal neue Facetten alter Geschichten entdecken möchte, der sollte sich dieses Buch auf jeden Fall zulegen. Denn es ist in vielerlei Hinsicht wesentlich aktueller und zeitgemäßer, als es die Urversionen je sein könnten. Wie aber schon in den Urversionen, zeigen Cunninghams Märchen die Abgründe der Menschheit auf und sind in ihrer fantasievollen Art trotzdem erschreckend akkurat und realistisch.

Cunninghams Märchen sind unerwartet, provokant und vor allem unterhaltsam. Durch die vielen unterschiedlcihen Erzählweisen bringt er wirklich Schwung rein und verpasst jedem Märchen einen ganz eigenen Stil. Die Geschichten sind also in jeglicher Hinsicht einzigartig und wirklich lesenswert. Wer sich jetzt aber noch immer nicht wirklich was darunter vorstellen kann, der sollte sich diese Leseprobe vom Verlag vielleicht mal näher ansehen. Reinschnuppern und sich selbst ein Bild machen sollte man auf jeden Fall.

Ein wilder Schwan von Michael Cunningham

Wer aber jetzt schon überzeugt ist und die einzigartigen Geschichten selbst lesen möchte, der kann das Buch auf der Verlagsseite  oder bei Thalia kaufen.

Für dieses Rezensionsexemplar möchte ich mich herzlich beim Luchterhand Verlag und dem Bloggerportal der Verlagsgruppe Random House bedanken.

 

 

 

0 Gedanken zu „Ein wilder Schwan – Cunningham

  1. Liebe Smarty,

    danke für die spannende Buchvorstellung! Anhand des Covers hätte ich ja nie mit einer so „erwachsenen“, düsteren Version der Märchen gerechnet.

    Zu Remakes, Spin-Ofs, Vorgeschichten etc. von Märchen und Kinderbuchklassikern habe ich immer ein etwas zwiespältiges Verhältnis: Auf der einen Seite finde ich es immer spannend, andere Blickwinkel kennenzulernen, auf der anderen Seite haben mich bisher die meisten Vorgeschichten und Neuinterpretationen enttäuscht bzw.regelrecht frustriert. Was du hier über „Ein wilder Schwan“ schreibst, klingt aber sehr außergewöhnlich und der Punkt mit den Erzählperspektiven hat mich neugierig gemacht. Ich werde mich auf jeden Fall einmal der Leseprobe widmen und das Buch im Hinterkopf behalten.

    Liebe Grüße und einen gemütlichen Sonntag wünscht dir
    Kathrin

  2. Hallo!
    Eine sehr tolle Rezension! Das Buch hört sich wirklich gut an & vielleicht werde ich es irgendwann mal kaufen. Davor möchte ich aber auf jeden Fall noch die richtigen Grimm Märchen lesen!

    Liebe Grüße,
    Pia!

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